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Ein Tag ohne Auto aber mit vielen Ideen

SALZBURG (Österreich)  Beim diesjährigen Fairkehrten Fest am 21 und 22. Juni verwandelte sich die Nonntaler Hauptstraße mittels Rollrasen, zwei (Musik)Bühnen, zahlreichen Ständen, die alle Genuss und/oder einen respektvollen Umgang mit Mensch und Natur sowie ihren Ressourcen im Blick haben, in eine Zone der Begegnung und des Feierns. Unsere Redakteurin Elfriede Bauer war live dabei und hier kommt ihr Bericht:

Das Fairkehrte Fest in Salzburg

Riesige Seifenblasen, ganz viele Fußgänger und jede Menge Ideen für ein faires Miteinander gab es auf dem Fairkehrten Fest in der Nonntaler Hauptstraße (Fotos: Bauer).

Ab sechs Uhr früh ist Stefanie, eine der zahlreichen freiwilligen Helfenden, dabei Asphaltflächen mit Rollrasen zu belegen. So werden Wiesenflächen gezaubert, die ab Mittag gerne benützt werden zum Sitzen, Liegen, Spielen oder Musikhören. Der gesamte Aufbau, soweit ich ihn miterlebe, wirkt wie ein gut funktionierendes Uhrwerk. Ein Rädchen greift ins andere, eine Hand unterstützt die andere.

Slogans, Tipps und Lebensweisheiten

Auf meinem Weg zum Standplatz von „Schule mal anders“ gehe ich an verschiedenen Plakaten oder Transparenten vorbei. Dieses lässt mich schmunzeln: „Sie wollen eine Gehaltserhöhung? Verkaufen Sie ihr Auto“.  Ab Mittag „geht die Seele zu Fuß“ und dieser Slogan ist auf den sehr ansprechenden T-Shirts der Veranstalter überall zu lesen. Mehr und mehr große und kleine Seelen strömen herbei.

Erstaunlich, wie viel Platz in der doch eher schmalen Nonntaler Hauptstraße plötzlich vorhanden ist.Anstelle der üblichen Autos parken hier heute die unterschiedlichsten Organisationen und Einrichtungen mit ihren Ständen.

Schule mal anders – mit allen Sinnen Erleben, Entdecken und Lernen

Mittendrin bauen wir den Stand von „Schule mal anders“ auf. Gleich nebenan macht ein Clown wundervolle Riesen-Seifenblasen. Steffi hat einen Barfußweg kreiert und dieser wird zum absoluten Publikumsmagnet. Fröhlich marschieren Eltern und Kinder barfuß und Hand in Hand  über Steine, Zapfen, Sand, Laub, Moos und Heu und sehen für kurze Zeit mit ihren Füßen. Im Schafwollfließ angelangt meint ein Junge zu seiner Mutter: „Mensch, Mama, so einen Boden sollten wir zu Hause haben!“

Ein Renner war der Barfußweg und zog viele Eltern und Kinder an.

Ein Renner war der Barfußweg und zog viele Eltern und Kinder an.

Außerdem gibt es einem Platz mit Natur- und diversen Montessori-Materialien zum fantasievollen Bauen und Spielen. Von unsere Schüttübung, einem Tablett mit drei bis vier Flaschen unterschiedlicher Größe von denen eine mit fein gemahlenem Polenta gefüllt ist und verschiedene Trichter, ist ein Brüderpaar fasziniert. Fast zwanzig Minuten beschäftigen sich der zwei- und vierjährige damit. Der Ältere setzt den Trichter in eine leere Flasche, beginnt den goldgelben Inhalt der gefüllten Flasche vorsichtig einzuschütten. Der Jüngere sieht zu und jubelt: „Es rinnt! Es rinnt!“ Beide strahlen um die Wette. Experimentieren und werden erfinderisch, setzen mehrere Trichter ineinander. Was geschieht dann? Wird nicht verraten. Selber ausprobieren. :-)

Fairkehrtes Fest 4

In einer wunderschönen Holzschüssel, gefüllt mit Weizenkörnern, dürfen die Hände nach versteckten Schätzen wie Schlüssel, Nuss, Knopf etc. suchen. Auch hier kommt keine Langeweile auf. Auch die Bücher zum Thema Freies bzw. selbstbestimmtes Lernen, Infomaterial des „Vereins für selbstbestimmtes Lernen in Salzburg“ergänzen das Angebot und werden mit großem Interesse angenommen.

Vom Abfüllpädagogen zum sensiblen Lernbegleiter

Wir erschaffen in Montessoris Sinn eine ‘Vorbereitete Umgebung’, in der das Kind wählt, womit es sich im Augenblick beschäftigen will. Also auch, womit es jetzt lernt. Denn wir lernen  nicht nur in der Schule oder dann, wenn wir dafür eine Note bekommen. Wir möchten möchten für ein Lernen mit allen Sinnen und mit Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten für die Kinder sensibilisieren. Sowohl was den Inhalt, als auch die Zeit anbelangt. „Stell dich vor eine Blütenknospe und schrei sie an ‘Blüh!’ Es wird nichts nützen. Sie blüht dann, wenn es für sie Zeit ist.“ Dies stellte Maria Montessori nicht nur bei Blumen sondern auch bei Kindern fest und ihre Erfolge gaben ihr Recht. Und sie tun es auch heute noch, wenn wir es schaffen von Eintrichterern und Abfüllpädagogen zu sensiblen Begleitern und Betreuern zu werden, deren Treue in erster Linie dem Kind und seinen Bedürfnissen gilt und nachgereiht den Inhalten – und nicht umgekehrt,  wie es heute leider so oft praktiziert wird.

 „Kinder lernen ständig“, höre ich Anneliese in einem angeregten Gespräch mit einer Mutter sagen. Wir haben uns lediglich einen sehr begrenzten Begriff von Lernen zugelegt oder vielleicht auch einreden lassen. Es wird Zeit, das zu korrigieren und den Blick wieder zu weiten. Unsere Kinder lernen am Besten mit Freude, möchte ich noch ergänzen. Wir erwachsengewordenen Kinder übrigens auch. Der heutige Tag mit dem regen Besuch unseres Standplatzes ist ein lebendiger Beweis dafür, wie freudvolles Lernen funkioniert.

Ja, und für die ‘Großen’ gibt’s wohl auch noch einiges zu lernen und umzusetzen. Nämlich auf dem Weg zu einer sensibleren Nutzung unseren öffentlichen Verkehrsflächen. Denn das ist ja der ursprüngliche und immer noch aktuelle Anlass für das Fairkehrte Fest.

Seitlich hinter uns hängt das große Transparent der Organisatoren dieses Festes das sehr eindrucksvoll den Raumanspruch von je 60 Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern auf der Staatsbrücke demonstriert. Viele Menschen bleiben hier stehen. Schauen, überlegen, kommentieren, kritisieren, philosophieren…..

Es ist Abend geworden und wir bauen für heute unseren Stand ab.

„Die Seele geht zu Fuß“ und freut sich über dieses gelungene Fest. Und meine nehm ich jetzt mit auf mein Fahrrad und dann in die Lokalbahn. Und die bringt mich nach Haus. DANKE!

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