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Weiber- (und Männer) Roas anno 2017

Schnurrende Spindeln, klappernde Stricknadel, naturgefärbte Schafwolle und köstlicher Apfelkuchen. Das alles gibt es im Spinn- und Strickcafé von Angela Rachl. Und neben altem Handwerk und Kreativität lernt man dort auch noch jede Menge netter Menschen kennen.

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Für mich als freie Journalistin mit Halbtagsjob beim SOS-Kinderdorf stehen straffe Zeitplanung und Multitasking ständig auf meiner To-Do Liste. Nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, ich würde deswegen jammern. Nein, ich liebe meine Jobs. Dennoch erinnere ich mich hin und wieder gerne an die Zeit, als mein Terminkalender auch freie Blätter aufwies und an die herbstlichen Abende ohne Notebook und iPhone. Wenn es draußen immer früher dunkel und allgemein ungemütlich wurde, habe ich manchmal gestrickt. Pullover, Schals, Mützen. Gemeinsam mit Freundinnen oder gemütlich mit einer Tasse Tee auf der Couch beim Fernsehen. Das war Entspannung pur und dabei auch noch produktiv.

Weil es nicht nur mir so geht, sondern viele anderen Menschen auch von der Alltags-Hektik oft die Nase voll haben, steigt die Nachfrage nach sinnvollen Chill-Out-Möglichkeiten permanent. Ich habe mich auf die Suche danach gemacht und kürzlich Angela Rachl kennengelernt. Sie ist Bio-Schafbäuerin in Perwang, äußerst kreativ und verarbeitet die natürliche Wolle ihrer Schafe mit großer Leidenschaft.„Wenn früher die Ernte eingefahren war, haben sich die Bauersfrauen getroffen und in gemütlicher Runde gesponnen, gewebt, gestrickt und geklöppelt. Die sogenannte Weiber-Roas. Ganz im Kreislauf der Natur war das auch für den Menschen die Zeit für Rückzug und Erholung“, erzählt sie mir.

Entspannung wie in alten Zeiten

Das hört sich doch logisch an und deshalb habe ich mich gleich für ihr Spinn- und Stickcafe angemeldet, bei dem sie ihr Wissen und ihre Begeisterung an Interessierte weitergibt. Der Workshop findet in der im Flachgau schon recht bekannten Jurte statt, die sich die Naturliebhaberin vor ein paar Jahren neben das Bauernhaus gestellt hat. Drinnen verbreitet ein kleiner Ofen wohlige Wärme und gut duftender Punsch und Apfelstrudel lassen auf einen gemütlich-genüsslichen Abend hoffen.

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100 % Natur und 100 % Handmade

Unter den Sitzbänken, die in der runden Jurte angeordnet sind wartet schon körbeweise Vlies darauf, zu Wollfäden zu werden. Angelas Schafe werden nur alle 8 Monate geschert. Deshalb ist das Vlies besonders lang. Die ganze Farbpalette steht zur Auswahl. Einige angehende Fäden sind sogar solargefärbt. Im Zusammenwirken mit Johanniskraut und Ringelblume hat die Sonne ein wunderschönes sanftes Gelbgrün in die Schafswolle gezaubert. Vor dem Färben, wird die Wolle mit Regenwasser und Soda gewaschen, ausgeschwemmt und zum Trocknen ausgelegt. Dann kardiert – also auf spezielle Art gekämmt, und jetzt im Herbst kann es los gehen. Zwei Spinnräder hat Angela zur Auswahl. Mit dem Pedal bringt sie die Spindel zum Laufen und mit viel Gefühl zieht sie aus dem Wollknubbel einen gleichmäßigen Faden. Sieht kinderleicht aus.

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Vom Rumpelstilzchen zum Zen-Meister

Na dann will ich es auch mal versuchen. Allein schon die Spindel in die richtige Richtung zu drehen fordert meine ganze Konzentration. Dazu dann auch noch die Finger sanft aber mit dem richtigen Druck am Vlies zupfen zu lassen, bringt mich wieder völlig aus dem Takt. Klavierspielen ist auch nicht schwerer. Meine ersten Versuche sehen ziemlich dilettantisch aus. Statt dünnem Faden produziere ich knubbelige Schnüre, die nach spätestens 20 Zentimetern auch noch abreißen. So langsam kann ich Rumpelstilzchen verstehen. Doch Aufgeben gibt’s nicht. Und siehe da –  allmählich kommt Schwung rein und mein Spinnrad schnurrt zufrieden und den richtigen Zupf-Schieb-Loslass-Dreh hab ich auch raus. Jetzt geht es fast wie von Geisterhand. Die Spule füllt sich zusehends mit schönem Wollfaden und ich werde immer entspannter. Meditation pur.

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Auch Männer spinnen

Inzwischen füllt sich die Jurte. Immer mehr Strick- und Spinnbegeisterte, unter Ihnen auch ein paar Männer, kommen und bringen teilweise sogar ihre eigenen Spinnräder mit. Jedes sieht anders aus und keines funktioniert gleich. Einige Frauen outen sich als Spinn-Talente. Bei Petra zum Beispiel entwindet sich extrem feiner Faden mit sensationeller Leichtigkeit aus dem Vlies. Dabei kann sie nebenher auch noch erzählen, dass sie schon seit Jahren keine Wolle mehr gesponnen hat und selbst beeindruckt ist, dass das so gut funktioniert. Jeder kann jedes Spinnrad ausprobieren, sich gegenseitig helfen und zum Schluss, haben alle zumindest einen kleinen Faden aus dem Vlies gebracht. Lediglich die hinterlistige Handspindel konnte niemand so wirklich lieb gewinnen.

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Miteinander Wohlfühlen

Wer grad nicht spinnt der strickt, tauscht sich mit den anderen Teilnehmer*innen aus oder genießt was Gutes vom Kuchenbuffet. Obwohl die Jurte nun recht menschengefüllt ist , herrscht eine gemütliche Wohlfühl-Atmosphäre. Genau das richtige nach einem hektischen Tag. Eine wirklich wunderbare Möglichkeit, sich selbst zu entschleunigen und eine tolle Gelegenheit, nette Menschen kennenzulernen. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja in diesem Jahr für mich mal wieder einen selbst gestrickten Pulli.

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Das nächste Spinn- und Strickcafe findet am 9. Februar 2018 um 18 Uhr statt.

Infos und Anmeldung unter www.schafwolle-pur.at

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